Kolumne EINE AUTOBAHN IST KEIN HIGHWAY*

Meine ungeplante Autofahrt ins Nichts, vor ein paar Tagen führte mich über einige umliegende Dörfer am Ende wieder direkt vor meine Haustür, aber auch in die entfernten Gefühlswelten meiner Teenager Zeit. Wie wunderbar und welch willkommene Ablenkung gerade jetzt. Mal etwas anderes fühlen. 

Ich erinnere mich noch sehr genau an ein Album, das ich gehört habe während ich „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago gelesen habe. Im Übrigen auch eine gute Empfehlung für die jetzige Zeit (unbezahlte Werbung), aber bitte schaut nicht den Film. Noch heute spüre ich die unangenehmen Gefühle der Lektüre in mir aufsteigen, wenn ich eines der Lieder höre. So tief hat die Musik meine Gefühle in mir verankert und sie konserviert.

Meine Autofahrt ins Nichts jedenfalls brachte mich ins Schwärmen und ins Schwelgen und zu der Idee mit euch meine Top 10 der emotionalen Hits, zu denen ich gern gelitten habe zu teilen. Das war gar nicht so einfach, weil es mir rückblickend so vorkam, als hätte ich in den 90ern echt gern gelitten. Da waren viel zu viel Lieder. Aber jetzt, ohne lange Vorrede:

Auf Platz 10 Angels Robbie Williams 

Dieses Lied hat mich kurz aber intensiv begleitet. Erster Herzschmerz. Und weil ich schon damals so mitteilsam war, trug ich diesen Song als Prüfungslied vor, natürlich mit viel Inbrunst und einer ordentlich Portion Schmerz in der Stimme. Heut verstehe ich diese Begeisterung nicht mehr so richtig, ich erinnere mich aber noch gern an mein jüngeres Ich und den Musikunterricht. 

Platz 9 creep Radiohead 

Ich weiß dieser Song schafft es in viele Playlisten. Und uns allen sprach der Text aus der Seele. Mein Weltschmerzlied der Jugend, denn natürlich war ich in schwachen Momenten fest davon überzeugt, ganz anders zu sein als alle anderen und nirgendwo so richtig dazu zu passen. Nach wie vor ist das immer noch echt gute Musik und keine Sorge auch ich habe meine Nische gefunden. 

Platz 8 Killing in the Name Rage against the Machine

Klingt vielleicht erst mal komisch, aber dazu habe ich wirklich gelitten. Irgendwann ist daraus allerdings mein Wut-Lied geworden. Bis heute übrigens. Ich habe noch immer die Angewohnheit dieses Lied ohrenbetäubend laut im Auto zu hören, wenn ich allein und stinksauer bin. Hilft, auch nach 20 Jahren immer noch. Ein Hoch auf gute Musik, sag ich da nur.

Platz 7 Torn Natalie Imbruglia 

Zu diesem Lied habe ich sogar eine witzige Story noch aus meinen Zwanzigern. Ich stand mal ziemlich betrunken auf einem Indi Danceflore, als dieses Lied gespielt wurde. Meine Teenie Emotionen überrollten mein betrunkenes Ich so plötzlich, dass ich grundlos zu schluchzen anfing. Vielleicht liegt es gar nicht am Alkohol, sondern an der Musik, wenn wir plötzlich losheulen?! Ich bin dann verheult und überfordert nachhause. Der Abend war gelaufen. Aber heut höre ich das Lied wieder gern und erinnere mich auch freudig an den süßen zarten Schmerz erster Lieben.

Platz 6  Iris The Goo Goo Dolls

Oh ja, hierzu habe ich schon richtig ordentlich und ausgiebig gelitten. Erste große Liebe. Ging gehörig schief. War aber trotzdem schön, zumindest jetzt mit vielen Jahren Abstand. Das Lied finde ich immer noch gut und Kontakt habe ich sporadisch immer noch zu dem einst Betrauerten. 

Platz 5 Angel Sarah McLachlan 

Zu diesem Lied konnte ich meinen Teenager Weltschmerz freien Lauf lassen und das habe ich auch getan. Es sprach mir aus der geschundenen Seele und half mir, auch ja in dieser schrecklich melancholischen Stimmung zu bleiben.

Platz 4 Never ever All Saints 

Dieses Lied zähle ich immer noch zu den guten Songs. Und ich singe es immer noch gern lauthals mit. Nach den ersten Fehlgriffen der Liebe nahm ich mir, zum Rhythmus dieses Liedes vor: niemals wieder. Der Plan ging nicht auf.

Platz 3 3 doors down 

Okay ich habe ein wenig geschummelt, denn bei denen konnte ich mich für kein Lied entscheiden. Auch hier gibt es einen Verflossenen, dem ich meine Trauer, untermalt von der Musik dieser Band gewidmet habe. Aber auch bei Schulstress, Eltern-Ärger oder Beef mit den FreundInnen musste diese Band herhalten.

Platz 2 Placebo 

Und auch hier musste ich schummeln, denn zu deren Musik habe ich mehrer Jahre ausgiebig gelitten. Meine Eltern habe ich gequält, den letzten gemeinsamen Urlaub mit so viel Placebo und schlechter Laune ausgefüllt, dass sie mich im nächsten Jahr gleich nicht mehr mitnehmen wollten. Die Backround Story zum Sänger passte zu meinem verstörten Teenager Ich und gab mir ein Gefühl der Zugehörigkeit. Verstörender Weise fand ich den sogar mal attraktiv. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und ändern sich anscheinend auch über die Jahre.

Platz 1 Raining in Baltimore Counting Crows 

Meine Nummer eins, denn dieses Lied habe ich bis zum Erbrechen gehört. Meine Familie beglückt. Mitgesungen. Mitgelitten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es einen bestimmten Grund gab, aber den brauchte ich anscheinend auch nicht. Bittersüß (wie auch eine andere 90er Hymne) saß ich in meinem Zimmer eingeschlossen und grübelte über die Welt, über mich, über die Liebe und den Schmerz. 

Und noch immer kann ich jedes Wort mitsingen, denn all diese Hymnen des Schmerzes meiner Jugend haben sich tief eingebrannt, zusammen mit den Geschichten, Erinnerungen und Gefühlen. Wie wunderbar ist doch so ein Leben voller Musik.

*UNSER KOLUMNEN-TITEL IST VON JAN PLEWKA INSPIRIERT, DER GENAU DIESEN SATZ EINMAL SAGTE.

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