ZU-STANDS-be-SCHREI-bunG

Identitärer Scheiß

Ich sitze mit einem befreundeten Ehepaar im Café, die Kinder spielen auf dem angrenzenden Spielplatz. Es ist ein angenehm sonniger, aber trotzdem kühler Spätherbst-Nachmittag. Ein Sonntag. Der Kaffee ist gut, die Kinder sind entspannt.

Meine Freundin hatte am Vormittag arbeiten müssen und erzählt nun von einer unangenehmen Situation, die sie mit einem unbekannten Kollegen hatte. Dieser hatte, ohne sich ihr vorzustellen versucht zu erfahren, wer sie ist, nur um sie im nächsten Moment wie das Dummchen vom Dienst zu behandel und ihr fachlich die Kompetenz abzusprechen.

Ich höre ihr aufmerksam zu und verspüre sofort ein Gefühl der Verbundenheit, kenne ich doch nur zu gut diese Momente. Mein verständnisvoller Kommentar fällt recht kurz, aber für jede Frau auf dieser Welt wohl verständlich aus.

Wenn du ein Typ wärst, hätte der sich nicht so benommen.

Sofort ergreift ihr Mann das Wort und erklärt, dass das so nicht stimmt, denn diese Branche sei nun mal eine sehr raue, in der Hierarchie und Kompetenzgerangel einfach dazu gehörten. Das wäre auch unter Männern so.

Ich vertraue da seinem Urteil, denn ich kenne mich in deren Branche nicht persönlich aus. Das einzige was ich weiß beruht auf Klischees und Geschichten und wenn er mir als Insider sagt, es ist so, dann ist es so. 

Kurzes Schweigen am Tisch.

Trotzdem hake ich nach und frage ihn, ob er sich nicht vorstellen kann, dass das Geschlecht seiner Frau die Sache noch begünstigt hat. Aus Erzählungen der Frau weiß ich, dass sie solche Vorfälle bereits gewöhnt ist, da es vor allem, als sie noch 5-10 Jahre jünger war, sehr häufig passierte. Außerdem weiß ich ja aus eigener Erfahrung, dass solches Verhalten sehr oft sehr wohl auf das Geschlecht zurückzuführen ist.

Ihr Mann kann es sich nicht vorstellen und er bekräftig seinen Zweifel daran damit, dass er seine Frau ja sehr gut kenne. Er weiß, wie sie sein kann und das kann dann schon mal zu Spannungen führen.

Das erste Mal entsteht ein unangenehmes Schweigen am Tisch.

Ich blicke kurz zu meiner Freundin und dann über meine Kaffeetasse wieder zu ihrem Mann. Sie ergänzt das Gespräch, vielleicht um die Stille zu füllen, noch damit, dass sie den Herrn Kollegen aber trotzdem in seine Schranken gewiesen hat, es aber schade findet, dass man dann immer gleich so negativ eingestuft wird als Frau. 

Wieder kann ich ihr nur recht geben und erkläre, dass ich dies sehr wohl kenne. Man gilt als Frau dann immer gleich als bossy, rechthaberisch oder gar zickig. Wobei Männer dann immer gewisse Charakterstärke und Führungsqualitäten nachgesagt werden. Das heißt, ich möchte es sagen, doch ihr Mann unterbricht mich und geht nun auf die Barrikaden. 

Nein, das sei doch Quatsch, das stimmt einfach nicht und vor allem gilt das nicht für seine Frau. Denn diese kennt er ja und er weiß, dass sie eben auch schwierig sein kann und das sie auch mal Haare auf den Zähnen hat. Ich bin schockiert, doch dieser Zustand löst bei mir schon lang kein Schweigen mehr aus. Ich lasse ihn ausreden und möcht etwas entgegnen, doch er unterbricht mich sofort nach den ersten beiden Worten erneut. 

Es folgt ein Vergleich, um seine Erklärung zu untermauern. Zwischen seiner Frau und einem Kollegen, der für absolut unangebrachtes Verhalten, exzentrische Exzesse und Wutausbrüche mit Gebrüll bekannt ist. Ich kenne einige Erzählungen über diesen Mann und kann meinen Unglauben darüber, dass er seine Frau, die ich schon einige Jahren länger kenne als er und die niemals auch nur im entfernten so oder ähnlich aufgetreten ist, mit diesem Mann vergleicht nicht verbergen. Wieder sehe ich zwischen dem Ehemann und meiner Freundin hin und her.

Ich frage mich, ob ein Schweigen noch unangenehmer werden kann, und klammere mich an meine Tasse.

Ist das sein Ernst, fragen meine Augen sie. Doch sie blickt einfach in Richtung der Kinder und ignoriert uns. Ich kann nicht anders, die Wut über seine Worte und das Thema an sich haben mich angezündet. 

Ich versuche es noch einmal. Ich erkläre ihm, dass es sehr wohl so ist, dass Frauen, die sich durchzusetzen wissen, die ihre Meinung klar formulieren und für sich selbst einstehen, oft in Schubladen gesteckt werden. Wieder kann ich nicht ausreden. Wieder werde ich unterbrochen, übertönt, denn nun wird er laut. Ich versuche, ruhig zu bleiben, lasse ihn ausreden, denn es bringt ja nichts sich jetzt zu streiten. 

Aber nun überwiegt ein anderer Gedanke. Noch immer lächelnd erkläre ich ihm, dass ich es nicht gut finde, dass er seiner Frau und mir eine Erfahrung so vollkommen abspricht, die er selbst doch noch nie gemacht hat. Und da passiert es.

Das ist doch identitärer Scheiß, wirft er mir aufgebracht an den Kopf. Nur weil er es nicht kennt, kann er es nicht beurteilen, das ist doch scheiße. 

Ich schlucke, denn ich schmecke meinen Ärger bereits klebrig auf der Zunge. Noch einmal setzte ich an, denn ich würde ihm gern in Ruhe vor Augen führen, dass ich das was er mir vorwirft gar nicht gesagt habe. Und das es schon ganz schön vermessen ist mir als Mensch, bewusst nicht als Frau, sondern als Mensch abzuerkennen, was ich fühle und was ich erlebt habe. 

Das Schweigen ist vorbei, denn an mir ist nun gar nichts mehr ruhig. Erneute Unterbrechung und unsachliches Übertönen meiner Worte durch den Mann.

Entnervt stelle ich meine Kaffeetasse auf den Tisch, denn jetzt reicht es mir mit den guten Manieren. Ich bemühe mich immer um eine gute Kommunikation, aber wenn mich das Leben etwas gelehrt hat, dann das man nicht immer nett und höflich bleiben kann. Und das man sich auch nicht alles bieten lassen muss. In diesem Moment kommt das Kind und hält mich zurück. Ich atme tief ein und schiebe meine Wut beiseite. Als ich nach zehn Minuten wieder an den Tisch zurückkomme, ist das Thema vergessen.

Ich will das nicht auf mir und meiner Freundin sitzen lassen, aber ich spüre, dass sie das jetzt von mir erwartet. Ich lasse es ihr zu liebe fallen, nicht ohne mich dabei sehr unwohl zu fühlen, weil es gegen meine Überzeugung geht. Und nicht ohne mich zu fragen, wie sie mit diesem engstirnigen weißen Mann als starke Frau zusammenleben kann. 

Zurück bleibt die Frage, ob wohl die Liebe generell solch eine Akzeptanz für diese Art Defizite mit sich bringt und die bohrende Überlegung, ob mein Schweigen der Preis für unsere Freundschaft ist?

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s