Kolumne EINE AUTOBAHN IST KEIN HIGHWAY*

Was bedeutet das jetzt?

Genau diese Frage sprach meine Mutter am Telefon heute Nachmittag aus. Eine Frage, die ich mir schon seit Stunden stelle. Die sich angesichts der gegenwärtigen Situation gerade sicher richtig viele Menschen stellen müssen. Denn unsere Kita wird, wie so viele andere auch, ab nächster Woche geschlossen sein.

Klar ich bin absolut dafür die Gesellschaft vor einem Zusammenbruch zu schützen. Diese Krankheit muss eingedämmt werden. Unser Gesundheitssystem darf nicht zusammenbrechen. Ältere und Patienten mit Vorerkrankung möchte ich schützen und, wenn möglich ihnen auch helfen.

Aber ich bin eine alleinerziehende Freiberuflerin, mit kleinem Kind. Keines, das man mal eben für zwei Stunden mit einer Aufgabe beschäftigen kann.

Meine Eltern sind über 60 und einer der beiden zählt schon bei der alljährlichen Grippewelle zur Risikogruppe, also kann ich natürlich nicht auf sie zurückgreifen.

Und bei allem Schutz, und allem Zurückstecken fühle ich mich gerade sehr vergessen. Ein Gefühl, das man als Alleinerziehende zwar schon zur Genüge kennt, aber diese Situation ist anders. Denn es geht hierbei um ganze Existenzen.

Seit Stunden versuche ich nicht panisch zu werden. Ich muss sagen, das gelingt mir, gerade weil ich die ganze Zeit etwas zu tun habe gut. Der Hammer kommt dann erst am Abend, wenn es in der Wohnung ruhig wird und ich versuchen möchte zu schlafen. Aber dafür steigern sich meine Wut und meine Unsicherheit, wie es nun weiter geht.

Denn um ehrlich zu sein: Ich habe für diese beschissene Situation einfach keine Lösung.

Ich stand schon vor der ein oder anderen Herausforderung. Alle Alleinerziehenden wissen, wovon ich rede. Für alle Anderen: Kindkrank, Ich krank, Dienstreisen, Weiterbildung, Studienabschluss mit Kind, um nur einen kleinen Auszug zu liefern. Aber irgendwie konnte ich dabei immer auf gewisse, wenn auch dünne Sicherheitsnetze zurückgreifen.

Mutter und Kind, laufen Hand in Hand durch ein Weizenfeld

„Und jetzt?“ – Ich habe keine Antwort.

Ganz langsam freunde ich mich mit dem Gedanken an, dass ich in den nächsten Wochen nachts arbeiten muss, damit ich vielleicht irgendwie noch ein wenig Geld verdienen kann. Aber da ist noch ein anderer bohrender Gedanke, der mich innerlich kotzen lässt und vielleicht bin ich auch damit nicht allein.

Denn als Alleinerziehende werde ich nun voraussichtlich mehrere Wochen Alleinunterhalter sein, in einer Gesellschaft, in der man soziale Kontakte auf das Nötigste reduzieren soll. Ich weiß jetzt schon das mich das mental an meine Grenzen bringen wird, denn wie bei vielen anderen Alleinerziehenden ist die Kita, ist die Schule auch ein Sicherungsnetz der eigenen psychischen Gesundheit. Denn diese Einrichtungen ermöglichen es uns mal in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Mal noch schnell ohne Kind einkaufen zu gehen. Nicht immer für alles allein verantwortlich zu sein. Nicht jede Frage beantworten zu müssen. Nicht jede Entscheidung 24/7 treffen zu müssen. Und glaubt mir, ich bin wirklich dankbar für diese kurzen Pausen im Alltag.

Und ich sehe schon wieder die Menschen vor mir, die sagen werden, dass das herzlos ist und höre ihre Vermutungen, dass ich mein Kind vielleicht nicht genügend liebe. Ich kann euch alle beruhigen, daran liegt es nicht. Aber ich bin eben auch nur ein Mensch und mit diesen Pausen sorge ich dafür, dass ich weiter funktionieren kann. Denn wenn ich nicht mehr funktioniere, bricht das System zusammen.

„Und jetzt?“ – Ich habe keine Antwort.

Das werden verdammt harte Wochen werden. Das werden verdammt einsame Wochen werden. Und endlich ist es nach 17 Uhr.

*UNSER KOLUMNEN-TITEL IST VON JAN PLEWKA INSPIRIERT, DER GENAU DIESEN SATZ EINMAL SAGTE.

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