Comparable Worth – Index

… kurz CW Index und der Wert unserer Arbeit.

Gehetzt komme ich an diesem Morgen in der Kita des Kindes an und blicke in das lächelnde Gesicht einer Erzieherin. Auf ihrem Schoß ein schniefendes Kind, vor ihr auf einer grünen Matte sieben weitere, in der rechten Hand ein Buch. Mühsam und trotzdem gut gelaunt, versucht sie die Geräusche von ca. 15 weiteren Kindern zwischen 3 und 6 Jahren aus dem Nebenraum zu übertönen. Dort kämpfen gerade die SuperheldInnen gegen die Feuerwehr und BankräuberInnen. Ein ohrenbetäubender Lärm schlägt mir entgegen.

Es dauert nie länger als 10 Minuten das Kind umzuziehen, zu umarmen, ihm einen schönen Tag zu wünschen und draußen vor dem Fenster ein letztes Mal zu winken, und doch bin ich immer heilfroh, endlich wieder im Auto zu sitzen. Der Lärm, das Gewusel, die vielen verschiedenen Forderungen nach Hilfe, Trinken und Aufmerksamkeit zerren schon in diesen wenigen Minuten an meinen Nerven. Ich habe großen Respekt vor dem geduldigen Lächeln der ErzieherInnen.

Wie der Zufall es will, treffe ich mich an diesem Morgen mit einem ehemaligen Kollegen, der mir mit großem Stolz von seinem neuen Job erzählt. Zu Recht ist er endlich dort angekommen, wo er schon seit Jahren hinwollte und verdient nun auch entsprechend gutes Geld. Als ich höre, wie viel er dafür bekommt in einem noblen, ruhigen Büro mit täglich frischem Obst zu sitzen, muss ich unweigerlich wieder an die Kita des Kindes denken. Und daran wie viel-wenig eine Erzieherin im Schnitt verdient. Zwischen diesen Gehältern liegen Welten. Die ErzieherInnen, die sich tagtäglich um unsere Kinder bemühen, in deren Händen das Wohl anderer Menschen liegt. Und mein ehemaliger Kollege, der in einem kaufmännischen Beruf angestellt bei einem großen deutschen Unternehmen das dreifache bekommt.

Eines ist hierbei sehr deutlich zu erkennen: Die Erzieherin des Kindes übt einen typischen Frauenberuf aus, welcher statistisch unterdurchschnittlich bezahlt wird. Der Durchschnitt für alle Beschäftigten in Deutschland liegt bei einem Wert von 16,97€. Eine Erzieherin bekommt 15,91 Euro, eine Altenpflegerin sogar nur 14,24 Euro. Beides anspruchsvolle Berufe, körperlich anstrengend und mit langjähriger Ausbildung.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin hat die 30 häufigsten Berufe Deutschlands analysiert und herausgefunden, dass die fünf Berufe mit der besten Bezahlung alle Männerberufe sind. Als Männerberuf gelten Jobs mit einem Frauenanteil von unter 30 Prozent.

Tja, fragt sich nur, warum die Vergütung in typischen Frauenberufen so schlecht ist. Sicher, man kann seinen Beruf selbst wählen, mehr Frauen könnten in technische und kaufmännische Berufe gehen. Aber sollte man nicht vielleicht eher hinterfragen warum man in so wichtigen Berufen als ErzieherInnen und AltenpflegerInnen so viel schlechter verdient? Wobei dem Wort „verdienen“ hier eine besondere Bedeutung zukommt, da es impliziert, dass man für seine Arbeit genau das erhält, was sie wert ist und was einem zu steht.

Woran liegt es, dass man die Anforderungen und Belastungen, die diese Frauenberufe mit sich bringen, als weniger wertig einstuft und damit geringer entlohnt? Dabei sollte doch jedem klar sein, dass die Verantwortung für Menschen nicht weniger bedeutend ist, als die Verantwortung für Zahlen oder Maschinen.

CW – Index

Wie ist der Wert unserer Arbeit heut zu bemessen, wenn veraltetet Muster nicht mehr funktionieren und selbst diejenigen, die schon bei dem Wort Feminismus mit den Augen rollen zugeben müssen, das ungleiche Bezahlung zwischen Männern und Frauen für gleiche Arbeit ungerechtfertigt ist? Das Kooperationsprojekt „Comparable Worth: Arbeitsbewertungen als blinder Fleck in der Ursachenanalyse des Gender Pay Gaps?“ des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen und des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) hat sich mit genau diesem Thema beschäftigt und ist abgeschlossen.

Die Autorinnen Ute Klammer, Christina Kleiner und Sarah Lillemeier untersuchten in ihrer Studie den Beitrag einer nach Geschlecht unterschiedlichen Bewertung von Arbeit in verschiedenen Berufen am deutschen Arbeitsmarkt zum Gender Pay Gap. Es ist ihnen gelungen erstmals mit statistischen Methoden zu belegen, dass ungleiche Bewertung gleicher und gleichwertiger Arbeit zum Gender Pay Gap beiträgt.

Der Comparable Worth – Index soll als geschlechtsneutrales Messinstrument die beruflichen Anforderungen und Belastungen umfassend vergleichen. Anhand des Indexwertes können Beruf identifiziert werden, die gleiche oder vergleichbare Belastungen und Anforderungen aufweisen. Dafür haben die ForscherInnen, ausgehend von den Gehältern, die in von Männern dominierten Berufen gezahlt werden, die dort definierten Anforderungen und Belastungen mit denen in weiblichen dominierten Berufen verglichen. Zusätzlich zu den Faktoren Ausbildung und Qualifikationen berüchtigt der CW-Index vor allem psychosoziale Kriterien. Eine Unterbewertung zeigt sich dann, wenn ein Frauenberuf ähnlich fordernd und belastend wie ein Männerberuf ist, aber schlechter vergütet wird. Was vor allem auffällt, sind die Umwertung einiger Kriterien, wie zum Beispiel Verantwortung. Hierbei geht es nicht mehr nur um Führungsverantwortung, sondern auch um die Sorge und das Wohlergehen anderer Menschen. Kriterien wie belastende arbeitszeitliche Bedingungen, Kommunikationsfähigkeit und Einfühlungs- und Überzeugungsvermögen finden ebenfalls Beachtung.

Fazit

Unter Berücksichtigung dieser umfassenden Faktoren bestätigt die statistische Analyse unter Nutzung des CW-Index die Annahme, dass es zu einer geschlechterdifferenten Bewertung und Entlohnung von gleichwertiger Arbeit zuungunsten von Frauen kommt.

Die Bedeutung dieses Ergebnisses und den Nutzen des CW-Index in der Praxis gilt es noch auszuloten. Klar ist, dass hier mit statistischer Analyse eine der Ursachen des Gender Pay Gap nachgewiesen wurde. Welche passenden gesellschaftlichen und politischen Strategien nun aus diesen Ergebnissen abgeleitet werden, wird man sehen. Doch mit ihrer Erkenntnis schafft es die Studie, vor allem die Ungleichheitsdimension aufgrund des Geschlechts sichtbar zu machen. Ein möglicher Ansatzpunkt für weitere gerechtigkeitsorientierte Diskussionen und gleichstellungspolitische Maßnahmen zur Reduzierung des Gender Pay Gap.

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