Kolumne EINE AUTOBAHN IST KEIN HIGHWAY*

Kürzlich habe ich wieder etwas dazu gelernt. Und so etwas ist für mich ja erst mal ein Grund zur Freude. Ich bin ein großer Verfechter des steten Wachsens und des lebenslangen Lernens. Wie bei so vielen Dingen in meinem Leben war jedoch auch diese Erkenntnis mit Schmerz und einem unangenehmen Beigeschmack verbunden. Denn vor wenigen Tagen musste ich verstehen, dass ich kein gutes Fangirl bin. Viele Dinge liegen mir, sie fallen mir leicht, gehen mir gut von der Hand. Das Fangirl sein gehört eindeutig nicht dazu.

Bis zu diesem Moment, in dem ich dem Künstler gegenüberstand, verwirrt und etwas schüchtern und aufgeregt seine Hand ergriff, war ich mir nicht sicher gewesen. Ich hatte eine leichte Ahnung gehabt, eine Vermutung, wenn man so will. Aber die Gewissheit traf mich dann erst zusammen mit dem verstörenden Gefühl der Scham und einem Anflug von Fluchtgedanken, die zu diesem Zeitpunkt das Ganze nicht weniger peinlich gemacht hätten, weil ich ja bereits die Hand des Künstlers in meiner hielt. Auch meine Aufregung machte es mir nicht leichter, da mein doch sonst von Zeit zu Zeit scharfer Verstand mit einem mal wie gelähmt war. Im Nachhinein glaube ich, dass der Künstler meine Begleitung und mich für nicht sonderlich schlau gehalten haben muss. Und noch immer treibt mich bei diesem Gedanken ein Gefühl der Scham an, so dass ich schreien möchte, ihn anschreien möchte, ihm eine Nachricht mit vielen Ausrufezeichen schicken möchte, oder eines dieser TikTok Videos erstellen will nur um zu sagen: Glaub mir doch, ich bin wirklich klug. Manchmal bin ich klug.

Nun an diesem Abend war ich in vielerlei Hinsicht nicht so klug. Ich habe bereits den ein oder anderen Künstler getroffen. Mit einigen durfte ich arbeiten, mit anderen nur ein Interview oder aus beruflichen Gründen ein nettes Gespräch führen. Doch diese Gründe sind alle nicht die des Fangirls.

Dass mir dieses Konstrukt Unbehagen bereiten würde, ahnte ich wie gesagt bereits im Vorfeld und wenn ich auch manchmal klug bin, an diesem Abend war ich es nicht. Da war ich einfach dumm und habe nicht auf mein warnendes Bauchgefühl gehört, als die Begleitung meinte: komm, wir holen uns auch ein Autogramm. 

Euphorisch, aber doch schon etwas matt, weil es der vorletzte Termin der Lesung auf dieser Tour war, hatte der Künstler nach dem ersten Drittel der Lesung verkündet, er würde für ein paar Autogramme, nach Beendigung der Lesung bereitstehen. Wie wunderbar dachten sich da ungefähr 40 bis 50 Leute, unter denen auch ich sein sollte. Im Vorfeld hatte ich, das Planbare liebend bereits über diese Möglichkeit nachgedacht und war zu einer, für mich in solchen Situationen recht brauchbaren Entscheidung gekommen. Ich würde es einfach der Begleitung überlassen. Im Nachhinein würde ich gern behaupten, dass ich gehofft hatte, die Begleitung würde es ablehnen, aber so sicher bin ich mir da nicht mehr. 

Die Lesung war wunderbar. Sehr unterhaltsam. Wir, das Publikum konnten viel lachen und bekamen wie so oft bei diesem Künstler das Gefühl ein Teil seiner Welt zu sein. Ein großes Talent, wenn sie mich fragen. Denn genießen wir nicht alle die Abende mit diesen ganz besonderen Freunden, die immer etwas Tolles zu erzählen haben? Genießen wir es nicht alle, während ihrer Erzählungen ein kleiner Teil dieser außergewöhnlichen Ereignisse zu sein? 

Es wurde geklatscht, gelacht, gejubelt. Alles in allem ein schöner und dreistündiger Literaturabend. Toll, denken da viele. Ich auch. Ich habe aber auch gedacht: Man der sieht schon ganz schön fertig aus. Und damit meine ich gar nicht die Augenringe oder das matte Lächeln, dass ich von meinem Platz im hinteren Drittel der Halle, bei schummrigem Licht und zwei Weißweinschorlen gar nicht erkennen konnte. Umso besser konnte ich das dann in den unangenehm stillen Sekunden betrachten, als ich dem Künstler direkt gegenüber stand. Aber, der ein oder andere wird es verstehen, wenn ich sage, dass man es manchen Menschen einfach ansieht und anhört, wenn sie weniger energetisch sind, als gewöhnlich. 

Aber was erwartet man denn? Dieser Künstler hat zwei Wochen lang, jeden Abend immer das Gleiche gelesen. Immer die gleichen Anekdoten erzählt. Sehr wahrscheinlich, die gleichen Witze gemacht. Und der hat da trotzdem noch Bock drauf. Aber das kostet dann eben Energie. Energie, die ein Künstler dem Publikum gibt. Und die Leute nehmen ja gern. Und das mit zwei, vollen Händen. Und auch das ist okay, denn dafür ist der Künstler Künstler, weil der bekommt ja auch immer etwas zurück von seinem Publikum. Angehört hat man es ihm trotzdem. Damit möchte ich überhaupt nicht andeuten, dass die Lesung nicht gut gewesen sein könnte. Das war sie nämlich wirklich. Der war eben ein bisschen erschöpft. Und dann stellt der sich natürlich trotzdem hin. Ließt wunderbar aus seinem schönen Buch. Macht Witze mit dem Publikum, teilt seine dunkle Seite mit uns und verspricht uns sich Sonntagabend, nach drei Stunden Lesung trotzdem noch für alle, die dann noch einen Ernst August irgendwo hinhaben wollen die Zeit zu nehmen.

Das habe ich genau 5 Minuten gedacht, aber da war es dann schon zu spät. Am Ende der Lesung also erstmal zur Bar. Wir mussten die Zeit, bis der Künstler kommen würde ja überbrücken und dann war da ja auch immer noch dieses Unbehagen in meinem Bauch, das sich mit Weißwein einfach besser ertragen lässt. Und dann auch noch fürs Autogramm anstellen. Klar machen wir gern. Und anstehen, am Sonntagabend ist eh das Beste. Die Bar hatte leider bereits geschlossen, aber die Zeit in der Schlange wurde mir versüßt von unsicheren jungen Frauen, die miteinander sprachen, wie es eben unsichere junge Frauen manchmal tun, wenn sie nervös sind jemanden zu treffen, den sie echt gut finden. Nervöses lachen. Ich muss schmunzeln. Ich kann das alles Verstehen und dann wieder auch nicht. Ich finde die Kunst toll, die der macht. Ich finde aber vor allem den als Typen ziemlich toll. Der denkt gute und dunkle schöne Sachen. Der ist nicht ganz normal und trotzdem stinknormal und der findet das gut. Und das finde ich gut. Aber nervöses Anhimmeln ist da einfach nicht so mein Ding. Und soeben dachte ich, dass ich für diesen Scheiß vielleicht auch einfach schon zu alt bin, aber das stimmt nicht, denn so etwas fand ich schon immer nicht gut.

Außerdem wurde sich ordentlich gezofft hinter uns, was mir ebenfalls einige Freude brachte. Sonntagabend noch Schlangestehen nur damit so ein Hoschi seine Unterschrift irgendwo drauf packt, das ist eben nur etwas für Fortgeschrittene. Wunderbar an diesen Dingen ist ja zu allererst einmal, dass es einem nicht selbst passiert. Bei den anderen findet man das eine willkommene Abwechslung. Zweitens liegt die Schönheit solcher Streitigkeiten in einer Schlange darin, dass die Beteiligten ja krampfhaft versuchen zu flüstern, um ja keine Aufmerksamkeit zu erregen. Haben sie schon einmal versucht, jemanden flüsternd ihre Meinung aufzuzwingen? Haben sie schon einmal versucht, sich flüsternd auszukotzen? Genau, das funktioniert nicht. Aber man will ja auch keine Szene machen. Warum eigentlich nicht? Mit Weißwein wäre das alles noch etwas schöner gewesen, aber auch so war das Schlangestehen am Sonntagabend wunderbar. 

Wenn sie jetzt wissen wollen warum ich immer von diesem Sonntagabend spreche. Das ist ganz einfach und dabei ganz schön schön. Sonntagabend ist ja eh das Beste, sagte auch der Künstler. Selbst wenn ich ganz tief in mich gehe, habe ich wohl früher nie darüber nachgedacht und weiß nicht recht, wie ich wohl zum Sonntagabend stehe. Heut ist der Sonntag so schwierig wie jeder andere Abend auch. Doch ich mag vor allem den Gedanken des Künstlers, die diebische Freude und das, was diese, seine Haltung mit mir macht, wenn es um den Sonntagabend geht. Das böse Vergnügen klingt aus seiner Stimme, wenn er berichtet wie ihn der Gedanke amüsiert, dass die Leute noch vom Vorabend verkatert sind, am nächsten Morgen früh raus müssen und deswegen der Sonntagabend etwas süß schmerzhaftes, etwas Ambivalentes hat. Man freut sich ja auf das Event, das man da besucht, aber man ist auch ein wenig melancholisch, ob des herannahenden Montags. Man findet den Typ da gut, aber eigentlich wäre man auch ganz gern auf der eigenen Couch. Und der da oben genießt, dass er der Grund für unseren Zwiespalt ist. Schön, schön, schön.

Ohne Alkohol, mit Kloß im Bauch und Varieté in der Schlange warteten, die Begleitung und ich eine knappe Stunde. Dazu muss man ja auch mal sagen, dass man, na ja zumindest ich immer ein Produkt meiner Umgebung und meiner Gesellschaft bin. Soll heißen, dass ich, wäre ich dort allein gewesen, vielleicht schon gewusst hätte, was ich den fragen will. Oder was ich dem jetzt sagen soll. Aber in meiner Rolle, in meinem Verhalten zu meiner Begleitung kollabierte das System. Sowas passiert ja auch nur, wenn das Hirn sich vor einer Überlastung schützen möchte oder mich vor einer Dummheit. Wenn sich da dann plötzlich zwei Welten, zwei Rollen des eigenen Selbst überschneiden, wird es leer im Kopf.

Wir beobachten wie die Schlange sich sehr langsam vorwärts bewegt. Der Künstler nimmt sich wirklich Zeit. Spricht mit den Leuten. Gibt jedem die Hand. Lässt sich in die ein oder andere Umarmung ziehen. Meine Hochachtung wächst, verstehe ich doch nicht wie man so stoisch, die Übergriffigkeit all dieser fremden Menschen über sich ergehen lassen kann. Und da ist sie mit einem Mal. Die Erkenntnis, was mich schon an diesem bloßen Schlangestehen stört. All diese Menschen zwingen den Künstler jetzt noch ein Gespräch auf. Sie nötigen ihn, noch mal nett zu sein, noch weiter arbeiten zu müssen und wenn Leute zu etwas genötigt werden finde ich das immer scheiße. Gut, werden sie jetzt vielleicht sagen dafür ist der auch Künstler, da gehört der irgendwie der Öffentlichkeit und vor allem seinen Fans. Das kann schon sein, sage ich da, aber nicht für mich. Ich möchte da nicht mitmachen. Ich gehe Leuten echt nicht gern auf den Sack. Ich nehme nicht gern Hilfe an und möchte schon gar nicht zur Last fallen. Und der Künstler sieht an diesem Abend so fertig aus, dass ich dem nur noch einen Tee kochen möchte, ihm eine Zigarette geben und die Musik lauter drehen will und dann sollen die mal alle gehen. Aber ich stehe brav in der Schlange, scherze mit der Begleitung, rücke zentimeterweise näher und bin damit einer dieser Menschen, die sich einem anderen aufdrängen. Auch hier höre ich sie bereits seufzen, dass ein Fan, das ja gar nicht so meint. Das man diesen, nicht als Last begreifen darf, und sicher haben sie recht. Und ich vermute fast, der Künstler sieht das auch so. Und das ist auch der Grund, warum das Fangirl sein für mich einfach nicht funktioniert. 

Ich will den eigentlich nicht dazu zwingen, dass der jetzt nett zu mir sein muss. Das er mir die Hand geben muss und verkrampften Smaltalk macht. Obwohl, bei den anderen sieht es gar nicht so gezwungen aus. Eigentlich wirkt der Künstler ganz entspannt. Nun gut denke ich, jetzt sind wir einmal hier. Und dann sind die Begleitung und ich auch schon an der Reihe. Der Künstler gibt uns die Hand, stellt sich vor und mir kommt als erstes ein Witz in den Kopf, dass ich dachte, das sei ja eine ganz andere Schlange. Vielleicht für Bananen oder einen anderen Künstler. Da ich es einfach so komisch finde, dass der sich jedem mit Namen vorstellt. Klar, das ist voll höflich, denke ich, aber weiß doch eh jeder, wie der heißt. Ich behalte den Witz für mich. Wer weiß, ob der gut angekommen wäre, und außerdem bin ich nicht gut im Witze machen. 

Alles geht zu schnell. Zügig wische ich meine Hand am Hosenbein ab, nicht das die noch nass geschwitzt ist und dann ergreife ich seine, sage meinen Namen und er schnappt sich schon das erste Buch. Die Begleitung fragt ihn etwas. Er antwortet. Keine Reaktion von uns. Wieder Stille. Der fühlt sich unwohl mit uns, denke ich. Wir fühlen uns unwohl mit dem. Das war keine gute Idee. Aus lauter Verzweiflung und weil mir auffällt, dass ich gern ein Glas Wein hätte, an dem ich mich jetzt festhalten kann, beschwere ich mich darüber, dass die Bar schon geschlossen hat. Als könnte der Künstler etwas dafür. Doch leid tut es ihm trotzdem. Er schiebt mir in der Not sein eigenes Bierglas rüber und wie in Trance und der Schwerelosigkeit meiner Gedanken geschuldet nehme ich einen Schluck daraus. Die Begleitung sieht mich fassungslos an. So als würde sie denken, du kannst doch nicht aus Seinem Glas trinken und als würde sie denken, du kannst doch nicht aus dem Glas eines Fremden trinken. Ich selbst kann nur noch denken, dass der sich beim schreiben jetzt mal beeilen soll, weil ich aus dieser Situation endlich raus möchte. Er ist fertig und legt den Stift beiseite. Ich schnappe mir das Buch und will schon gehen, da fällt der Begleitung ein, dass wir noch ein Bild zusammen machen sollten. Oh nein, denke ich. Ich bin ja prinzipiell schon kein Freund der Nähe zu mir unbekannten Personen. Außerdem fühle ich mich von allen anderen schlangestehenden Menschen permanent beobachtet und so sieht das Bild dann auch aus. Ich blicke verkniffen, nicht in die Kamera. Der Künstler und die Begleitung blicken ebenfalls verkrampft, doch diese beiden stehen wenigstens nebeneinander. Bei mir jedoch wirkt es, als hätte ich versucht mich heimlich mit auf das Bild zu schmuggeln, stehe ich doch mit einem halben Meter Abstand daneben. Das Bild ist geknipst, ich will nur noch flüchten und drehe mich schon weg, da hält der Künstler mich zurück und gibt mir noch einmal die Hand.

Geblieben ist von diesem Abend leider ein unangenehmes Gefühl, das Falsche getan zu haben, obwohl es doch eine so schöne Lesung war. Das Foto und eine Widmung, die mich nun immer daran erinnern werden, dass ich kein Fangirl bin, stelle ich auf meinen Sockel der unliebsamen Gefühle und bin doch irgendwie froh, dass ich Sonntagabend mit in dieser Schlange stand. „Scheitern, scheitern kann man nur im Alltag.“ Thees Uhlmann

*UNSER KOLUMNEN-TITEL IST VON JAN PLEWKA INSPIRIERT, DER GENAU DIESEN SATZ EINMAL SAGTE.

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